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News der HSW Freiburg

Unternehmertum Schweiz: Warum Personen ein Unternehmen gründen oder führen - Ergebnisse des GEM 2019-2020 (Schweiz)

06. Jul 2020

In den letzten Jahren und insbesondere nach der globalen Finanzkrise ist für die Schweiz immer mehr zu erkennen, dass die Gesellschaft sich nicht mehr auf Grossunternehmen oder den Staat als Jobmotor verlassen kann, sondern ein unternehmerisches Ökosystem und die KMU als Rückgrat der Wirtschaft gefördert werden sollten. Zudem haben sich neue Organisationskonzepte und veränderte Karrierechancen für junge Talente gleichfalls radikal auf die Arbeitswelt ausgewirkt. Dieser Trend wird sich vermutlich in Zukunft auf Grund der Auswirkungen von COVID-19 fortsetzen.

Ergebnisse des Länderberichtes Schweiz des Global Entrepreneurship Monitors 2019/2020 (GEM)

Die unternehmerischen Absichten der Schweizerinnen und Schweizer sind höher (10,7%) als 2018 (6,9%) und gleich hoch wie 2017, liegen jedoch unter dem Durchschnitt anderer Volkswirtschaften mit hohen Einkommen (20.2%). Zudem haben sich de facto nur 9,8% der Schweizer auf ein unternehmerisches Abenteuer eingelassen (Total entrepreneurial activity TEA-rate). Die Gründungsrate unterschreitet den Durchschnitt vergleichbarer Länder markant (12.3 %).

Dies zeigen die neuesten Ergebnisse des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der grössten internationalen Studie über Entrepreneurship. Die Schweizer Ausgabe wird jährlich von der Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR) und mit diesjähriger Unterstützung des Impact Hub Bern und Swiss Economic Forum (SEF) herausgegeben. Schweizweit wurden rund 2.500 Personen befragt.

Motivationen zur Unternehmensgründung

Es gibt ebenso viele Argumente, ein Unternehmen zu gründen, wie es gründungsbereite Personen gibt. Aktive Gründerinnen und Gründer oder bereits etablierte Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Schweiz wollen mehrheitlich einen Unterschied in der Welt machen (43.17%), höheres Einkommen und Vermögen erzielen (38.057%), die Familientradition fortführen (17.11%) oder einfach den Mangel an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten ausgleichen (50,39%). Die Studie zeigt, manchmal gar zwischen Nachbarn, beträchtliche Unterschiede in den Motivationen zwischen den Volkswirtschaften auf; die Ergebnisse der Schweiz liegen indes auf vergleichbarem Niveau wie in Deutschland oder Israel und nahe dem Durchschnitt der Volkswirtschaften mit hohem Einkommen.

Women Entrepreneurship

Insgesamt ist der Anteil an Männern in der Regel in der Total Entrepreneurial Activity (TEA) höher als derjenige an Frauen. Der geschlechtsspezifische Unterschied hat sich in der Schweiz 2019 verringert, insofern auf 10 männliche Unternehmer sechs weibliche kommen. 2018 lag das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Unternehmern bei 5 zu 10. Gleichzeitig stellt der GEM Unterschiede in den Einstellungen und Aussichten von Frauen und Männern fest. Gründerinnen stimmen eher mit der Motivation überein, etwas in der Welt zu bewegen (46,9%), währenddessen männliche Unternehmensgründer eher mit den Beweggründen Vermögen oder ein hohes Einkommen aufzubauen (46,6%) oder eine Familientradition fortzusetzen (20,2%) übereinstimmen. Rico Baldegger, Studienleiter Schweiz, meint dazu: «Die Förderung unternehmerischer Aktivitäten in der Schweiz stützt sich primär auf die Unterstützung von technologiebasierten (oft auch Hightech-) Gründungen und Projekten. Das unternehmerische Ökosystem in der Schweiz hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen, nach wie vor besteht aber eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Der Mehrwert für ein unternehmerisches Ökosystem von Unternehmerinnen mit ihrer höheren Motivation, etwas in der Welt zu bewegen, wird im neuen Bericht aufgezeigt. So könnten etwa zweckgerichtete Aktivitäten im Gesundheits- oder Sozialbereich, oder die besondere Förderung eines Kreislaufwirtschaftsprojektes Unternehmerinnen für die Zukunft unterstützen. Die Wirkung der unternehmerischen Tätigkeit sollte hier im Mittelpunkt stehen!»

KMU, Familientradition und Nachfolge als neue Unternehmensgründung

Die Schweiz weist im Vergleich zum Durchschnitt der einkommensstarken Volkswirtschaften eine niedrige Quote von Unternehmensschliessungen (3,0%) und eine im Vergleich zum Durchschnitt der einkommensstarken Volkswirtschaften hohe Quote von Unternehmensbesitzern (11,6%) auf. Zudem ist die unternehmerische Aktivität der Beschäftigten unterdurchschnittlich. Die Situation in der reiferen Phase des unternehmerischen Prozesses kann deshalb in der Schweiz als positiv gewertet werden. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass in der Schweiz neue Geschäftsideen von hoher Qualität sind. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil der Unternehmen, die aufgrund guter Chancen gegründet werden (67,6%), während die aus der Not geborenen nur 13,9% ausmachen. Dies erklärt die tendenziell hohen Wachstumserwartungen der Gründer: Ein Drittel möchte in den nächsten fünf Jahren sechs oder mehr Personen einstellen.

Auswirkungen auf das Unternehmertum

Internationale Ausrichtung: Schweizer Frühphasenfirmen scheinen eine sehr starke internationale Ausrichtung zu haben. Zwei Drittel der neu gegründeten Start-ups in der Schweiz erwarten Umsätze mit ausländischen Kunden. Zusammen mit der Schweiz führen Schweden (28,6%), Irland (24,3%) und Slowenien (22,8%) die Liste der robustesten exportorientierten Start-up-Nationen an.

Informelle Investitionen: Investitionen von Freunden, Familie, Nachbarn usw. spielen in der Schweiz eine wichtige Rolle. 8,9% der unternehmerisch tätigen Personen in der Schweiz haben in den letzten drei Jahren durchschnittlich 20'000 US-Dollar in andere unternehmerische Projekte investiert.

Ökosystem mit Start-ups und dynamischen KMUs: Grundsätzlich ist eine stärkere Vernetzung der KMU innerhalb der Welt der Start-ups erwünscht. Die Start-ups sollen persönliche Beziehungen und neue Netzwerke über einen längeren Zeitraum aufbauen, um in einer Übergabesituation darauf zurückgreifen können. Insbesondere was das Kernthema Digitalisierung anbelangt, wäre dies Familienunternehmen förderlich, denn hier besteht Handlungsbedarf. Während das sich verändernde weltweite Umfeld Herausforderungen unterschiedlicher Art und Grössenordnung bringt, liegt es auf der Hand, dass sich auch Chancen bieten – vor allem für innovative und dynamische Unternehmerinnen und Unternehmer.