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News der HSW Freiburg

Leadership: historische Blitzlichter - HEG-FR Magazine

13. Jan 2020

Vom Lateinischen zum Englischen. Der Begriff «Leadership» ist relativ neu. In der bis ins 20. Jahrhundert geltenden Universalsprache der Bildung, im Lateinischen, dürfte ihm «ductus» wohl am ehesten entsprechen, was mit «Führung» übersetzen ist. Text: Rudolf J. Merkle, Assoziierter Professor FH

In der Alltagssprache ist «Duktus» noch heute zuallererst in der Bedeutung «charakteristische bzw. eigene Art der Formgebung für ein Artefakt, für ein Kunstwerk» geläufig. Etwas gewagt interpretiert: Vom alten Rom bis weit in die Neuzeit hinein war ein «Dux» Anführer von Armeen, von Untertanen, eine politische Lichtgestalt. Heute ist der «Dux» der Kopf eines Kunstwerks. Wie sagte Ovid trefflich? „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.“ (dt.: Die Zeiten ändern sich und wir [uns] in ihnen.)

Kommunikation und Auswahl

Ein selektiver Blick in das Buch der Bücher zum Thema Leadership wird erlaubt sein, insofern es in den letzten zwei Jahrtausenden doch einigen Kadern als Referenz diente. Obgleich grundsätzlich, insbesondere im Alten Testament, ein autoritäres, auf Hierarchie basierendes Führungsmodell deutlich dominiert – der Chef befiehlt, die Untergebenen gehorchen schweigend –, ist eine äusserst moderne Idee zu eruieren: „Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Ps 119,105) Dies dahingehend zu verstehen, dass zum einen Kommunikation unabdingbar für Führung ist, wird nicht gänzlich falsch sein; zum anderen muss zugleich ein Ziel aufgezeigt werden – ohne Licht, sprich: Vision und Strategie, sieht man weder Weg noch Endpunkt.

Ein zweiter essentieller Gedanke zu Leadership findet sich abermals im Neuen Testament: Führung beginnt, bevor geführt wird. Vorab ist ein verlässliches Team zusammenzustellen, das einem durch dick und dünn folgt. Jesus berief laut den Evangelisten Lukas und Markus höchstselbst eine Kerngruppe von einem Dut-zend Herren in sein Management. Hierin dem Zeitgeist folgend, verzichtete er in Sachen Gender gänzlich auf Diversity. Auf eine nahe Bindung an seine Person legte der Heiland, der die Apostel als Coach führte, freilich grossen Wert, insofern er die Vertreter seines Führungsgremiums, die später als Account Manager seiner Vision global tätig wurden, als „Brüder“ bezeichnete und ansprach. Die heutige Duzkultur wirkt im Vergleich nachgerade affektiert. Bei der Rekrutierung seiner zwölf «Jünger» bewies er indes kein glückliches Händchen: Judas Ischariot, einer seiner Mannen, erwies sich als ausgesprochen illoyal. Maria Magdalena wäre dagegen gewiss mehr als eine Quotenfrau gewesen.

Gott und PR

Im Mittelalter spielen die sogenannten Fürstenspiegel eine fundamentale Rolle. Diese literarischen Werke beschreiben, wie der perfekte Kaiser, König etc. zu sein hat. Vor allem anderen war der Leader – eo ipso männlich – ein frommer Christ, gehorchte Gott und führte autoritär. Der von Gott Berufene und für ebendiesen Kämpfende war gerecht, fungierte er doch oft als Richter. Er setzte bei Bedarf Gewalt ein, blieb immer besonnen, verteidigte Fremde, Waisen und Witwen, bestrafte Diebstahl und Ehebruch, richtete Mörder und Eidbrecher, schützte Kirchen, unterstützte Arme und delegierte nur an Kluge. Zudem verfolgte er Aberglauben, Zauberei und Wahrsagerei. Am wichtigsten war jedoch, dass er tapfer das Vaterland verteidigte und nur einem vertraute: Gott. Seine beiden Hauptpflichten waren die Wahrung von Frieden und Gerechtigkeit, daher waren für jeden Leader des Mittelalters Weisheit und Gnade bedeutende Charakterzüge. Am Hof hatte ein Fürst die Aufgabe, seine Macht zu demonstrieren. Das Posing gehörte schlechterdings zu seinen Obliegenheiten, nicht nur mittels Darstellung seines
Reichtums, sondern auch in der freigiebigen Bewirtung und reichen Beschenkung seiner Gäste. Dabei hatte er immer seine Aussenwirkung bzw. PR im Auge. Selbstverständlich orientierte man sich an Leadern der Historie. Als Ideale galten etwa David und sein Sohn Salomo, die römischen Kaiser Augustus und Trajan, ebenso der Makedonier Alexander. Letzterer war zwar einerseits derart überheblich, dass er bis an die Pforten des Paradieses gelangte, was einem Affront Gottes entsprach; andererseits galt er als grossmütig und grosszügig. Die beiden bekanntesten christlichen Herrscher, denen man nacheifern sollte, waren die Kaiser Konstantin und Karl der Grosse.

Ideal und Realität

Nun sind die Anforderungen an die Führungskraft im Mittelalter in der Theorie feinsinnig. In der harten Realität waren nicht zuletzt gezielte Brutalität, ein Gespür für Macht und diplomatisches Geschick desgleichen relevant wie Networking, wobei man von Erfahrungen längst toter Heroen wie Alexanders des Grossen profitieren sollte. Derartigen Charakters sind die Reflexionen über Leadership des Nicolo Machiavelli (1469-1527), u. a. als Diplomat aktiv. Mitunter geschätzt von zeitgenössischen Entrepreneuren, Managerinnen, Management-
Theoretikern etc., orientiert sich der Denker der Renaissance nicht nur im «Il Principe» an den gewalttätigen Gegebenheiten des Diesseits, nicht am Jenseits, am Hier und Jetzt, nicht am Garten Eden, primär am Machbaren, sekundär am Wünschbaren. Seine Tipps sind folgerichtig: Erfolg steht über allem, auch über der Moral. Nicht Friede ist die Normalität, sondern Krieg. Letztlich ist jedwede Konkurrenz zu vernichten. Hierfür darf, ja muss ein Oberhaupt nötigenfalls bestechen, lügen, betrügen, Verträge brechen und morden, denn die Menschen sind a priori
böse. Der Fürst, modern: der Leader, soll gefürchtet und gemocht, aber von der eigenen Gefolgschaft keinesfalls verachtet oder gar gehasst werden. Vital für ein Oberhaupt ist ferner, unabhängig zu bleiben, immer zu agieren sowie die Geführten von sich abhängig zu machen. Der Leader agiert pragmatisch und rational, umgibt sich mit Ratgebern und hat durchgehend die Endzwecke vor Augen – das Wohl des Landes, der Organisation, des Teams, aber besonders seinen Eigennutz.

Der aufmerksame Leser fragt sich nicht ohne Sorgenfalten, welche Schlüsse Leaderinnen und Leader des 21. Jahrhunderts aus der Lektüre Machiavellis ziehen.

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