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News der HSW Freiburg

Ergebnisse des Länderberichtes Schweiz des Global Entrepreneurship Monitors 2018/2019 (GEM)

09. Jul 2019

Die Förderung des unternehmerischen Bewusstseins und der positiven Einstellung zum Unternehmertum steht ganz oben auf der politischen Agenda der Schweiz. Dennoch sind die Absichten der Schweizer Bevölkerung, ein Unternehmen zu gründen, geringer (6,9%) als 2017 (10,5%) und sie liegen unter dem Durchschnitt anderer Volkswirtschaften mit hohen Einkommen (17,1%). Zudem haben sich tatsächlich nur 7,4% der Schweizer ein unternehmerisches Abenteuer begonnen. Die Gründungsrate unterschreitet den Durchschnitt der Vergleichsländer markant (10,4%).

 Trotz Unterstützung unternehmerischer Initiativen auf kantonaler und nationaler Ebene, einer zunehmenden Anzahl von Aus- und Weiterbildungsprogrammen sowie steigender Investitionen in unternehmerische Projekte und Start-up-Unternehmen ist die Schweiz weit davon entfernt, eine Start-up-Nation zu sein. Darauf deuten zumindest die Ergebnisse des neuesten Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der grössten internationalen Studie über Entrepreneurship. Die Schweizer Ausgabe der Untersuchung verfassen die Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR) und die SUPSI mit der Unterstützung des Swiss Economic Forum (SEF) jährlich. Schweizweit wurden über 2.400 Personen befragt.

Die Ergebnisse der Ausgabe 2018/2019 zeigen überdies, dass Schweizerinnen und Schweizer weniger zuversichtlich in Bezug auf ihre unternehmerischen Fähigkeiten zur Gründung eines neuen Unternehmens sind (Wahrnehmung der Fähigkeitsrate bei 36,3%). Dieser Mangel an Zutrauen paart sich mit einer höheren Angst vor dem Scheitern im Vergleich zu 2017 (39,9%, gegenüber 29,5% in 2017). Der Prozentsatz der Schweizer, die glauben, über die erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse zu verfügen, um ein Unternehmen zu gründen, verfehlt den europäischen Benchmark und bleibt weit hinter dem starken Vertrauen der Amerikaner in ihre eigene Fähigkeit, ein Unternehmen zu gründen. Seit 2013 schwindet der Glaube an die eigenen Fähigkeiten und ist mittlerweile auf das niedrige Niveau von 2012 abgeglitten.

In der Schweiz verliert der Status erfolgreicher Unternehmer zusehends und die Aufmerksamkeit der Medien für Unternehmertum wird kleiner. Beide Indikatoren sind quantitativ unter dem Durchschnitt der Volkswirtschaften mit hohen Einkommen zu beziffern. Die helvetische Start-up-Szene ist noch jung, stark von Zürich und dem Genfersee-Gebiet geprägt und regional breit gestreut. Rico Baldegger, einer der Autoren der Studie, kommentiert diese Ergebnisse wie folgt: «Der Unterschied zu den Spitzenländern in Bezug auf die unternehmerische Tätigkeit ist 2018 grösser geworden. Die positiven Ergebnisse in Bezug auf die unternehmerische Wahrnehmung im Jahr 2017 oder höhere unternehmerische Absichten, den sozialen Status oder die Aufmerksamkeit der Medien führen nicht zu einem stärkeren Engagement bezüglich der unternehmerischen Tätigkeit. Diese Ergebnisse sind kritisch und müssen in den nächsten Jahren genau beobachtet werden.»

Unterdurchschnittliche Anzahl junger erfolgreicher Entrepreneurs

Die unternehmerische Aktivität der jungen Bevölkerung ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Die Unterschiede haben sich nunmehr akzentuiert: Im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften mit hohem Einkommen sind derzeit nur 2,2% der jungen Schweizerinnen und Schweizer zwischen 18 und 24 Jahren an der Gründung eines Unternehmens oder der Leitung eines Start-ups beteiligt – die niedrigste Quote aller vergleichbarer Länder, folgerichtig deutlich unterdurchschnittlich (9,5%). Damit liegt die Schweiz auf Platz 30 von 32 Ländern mit hohem Einkommen: Der Unterschied zu Kanada (27,3%), den Niederlanden (15,9%), den USA (14,7%) oder Österreich (14,0%) ist frappierend. Von den befragten 18- bis 24-Jährigen sehen nur 15,4 % unternehmerische Chancen in ihrem Umfeld. Bei den 35- bis 54-Jährigen hingegen sind es 48,9 %.

Rico Baldegger meint dazu: «Daraus schliesse ich, dass unser Unterstützungsangebot, das nicht nur, aber vor allem in den und um die Universitäten und Fachhochschulen stattfindet, in Tat und Wahrheit die falsche Altersgruppe anspricht. Die Idee des jungen Unternehmergenies, des Mozart-Mythos, ist irreführend».

Gleichstellung der Geschlechter: Weitere signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen

In der Schweiz sind heute nur noch 4,72% der Frauen bereit, unternehmerisch tätig zu sein; bei den Männern beläuft sich der Anteil 2018 auf 9,98%. In der Schweiz fielen 2018 auf eine Gründerin präzise zwei Gründer. Dieses Verhältnis ist mit Blick auf den Durchschnitt aller Länder mit hohem Einkommen (1,61%) wenig vorteilhaft. 25 der 30 Referenzländer weisen ein günstigeres Geschlechterverhältnis bei Gründerinnen und Gründern auf.

Die starke Rolle von Familien bei Start-ups und etablierten

Unternehmen Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass neue Geschäftsideen in der Schweiz durchaus von hoher Qualität sind. Die Quote der Unternehmen, die aufgrund guter Chancen abheben, ist überdurchschnittlich hoch (67,6%). Dieser Zahlenwert vermag zu erklären, warum Gründer tendenziell hohe Wachstumserwartungen haben: Ein Drittel möchte in den nächsten fünf Jahren sechs oder mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. 66,3% der etablierten Unternehmen befinden sich im Besitz der Gründerin oder des Gründers und der Familie, mehr als 84% werden von dieser Gruppe geführt. Bei den Start-ups sind diese Werte mit 60,0% bzw. 79,0% etwas niedriger. Ob Unternehmen, die von Familien geführt werden, eine höhere Widerstandsfähigkeit oder Überlebenswahrscheinlichkeit haben und ob etablierte Unternehmen häufiger Familienbetriebe sind, oder ob sich eine allgemeine Veränderung der Unternehmensdemografie vollzieht, kann nicht ohne weitere Daten beantwortet werden. Bemerkenswert bleibt indes das überdurchschnittliche Vertrauen in Familienunternehmen. Die befragten Experten bewerten diese spezifische Führung durchwegs äusserst positiv.

Der Unterschied zu den Spitzenländern in Bezug auf die unternehmerische Tätigkeit ist 2018 grösser geworden. Die positiven Ergebnisse in Bezug auf die unternehmerische Wahrnehmung im Jahr 2017 oder höhere unternehmerische Absichten, den sozialen Status oder die Aufmerksamkeit der Medien führen nicht zu einem stärkeren Engagement bezüglich der unternehmerischen Tätigkeit. Diese Ergebnisse sind kritisch und müssen in den nächsten Jahren genau beobachtet werden.»

Rico Baldegger, HSW-FR Direktor

Forschungsdienst

+41 26 429 63 84