Zum Inhalt

Neuester Beitrag mit Philipp Aerni in der REPUBLIK

Wortkarge Boykotte

Philipp Albrecht, Wirtschaftsredaktor bei der REPUBLIK, einem Online-Magazine für Investigativjournalismus, analysierte in in seinem neuesten Artikel «Aufgrund der angespannten Situation …» Boykotte von westlichen Firmen vom russischen Markt.

Albrecht stellte fest, dass die meisten Firmen diesen drastischen Schritt kaum begründeten, und hinterfragte die zugrunde liegenden Motive aus der Warte der Unternehmensethik. Dazu befragte er auch den Direktor des CCRS, Dr. Philipp Aerni von der Hochschule für Wirtschaft Freiburg.

Nachfolgend Auszüge aus dem Kapitel "5. Wenn schon, dann konsequent", welche Antworten von Dr. Aerni wiedergeben:

Es stellt sich die Frage, ob eine unternehmerische Ethik, die sich mit gesellschaftlichen Werten deckt, überhaupt nötig ist.

Im Umkehrschluss heisst das: Wenn ein Unternehmen aus ethischen Gründen von sich aus aktivistisch wird, muss es auch dazu stehen. Und konsequent sein. So wie Ben & Jerry’s.

Philipp Aerni spricht im Zusammen­hang mit den Russland-Boykotten von einer «Pseudo-Gesinnungs­ethik», die mehr mit Marketing und weniger mit Ethik zu tun habe: «Sobald dann der Entscheid getroffen wird, sich zurück­zuziehen, wird alles in eine Gesinnungs­rhetorik verpackt, die den Erwartungen der relevanten moralischen Anspruchs­gruppen der jeweiligen Firma gerecht wird.»

Grundsätzlich seien aber Firmen besser beraten, sich nicht zu sehr von ethischen Vorstellungen der Zivil­gesellschaft leiten zu lassen.

Aerni bezieht sich dabei auf die kanadische Stadt­aktivistin und Sach­buchautorin Jane Jacobs, die sich auch mit Wirtschafts­ethik beschäftigt hat und Anfang der 1990er-Jahre in ihrem Buch Systems of Survival eine klare Trennung zweier ethischer Systeme beschrieb.

Auf der einen Seite ist die sogenannte Wächter­moral (commercial syndrome of morality), die für Regierung und Zivil­gesellschaft gilt, und auf der anderen die Händler­moral (guardian syndrome of morality), die für Wirtschaft und Wissenschaft gilt.

Die Wächtermoral beruht vor allem auf traditionellen Werten und Normen, während die Händler­moral stark auf Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft und Fähigkeit zum Perspektiven­wechsel setzt. Beide Systeme haben den grössten gesellschaftlichen Nutzen zum Ziel. Nur die Plätze tauschen sollten sie nicht.

Doch laut Aerni macht ausgerechnet die Lehre der Corporate Social Responsibility diese Unterscheidung nicht, da CSR implizit davon ausgehe, dass es nur eine Moral gebe, nämlich die Wächtermoral. Stülpe man diese über unternehmerische Tugenden, könnte das Innovation bremsen. Was nicht sehr empfehlenswert sei.

Die Theorie von Jacobs schliesst allerdings nicht aus, dass es für Unter­nehmerinnen ein Eigen­interesse gibt, Menschen­rechte zu respektieren.

Dass sich Topmanager mit Menschen­rechten beschäftigen, ist heute eine Selbst­verständlichkeit. Doch das führt auch dazu, dass viele einen Spagat zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Händler­moral machen müssen. Darum die vorsichtige Kommunikation.


Link auf den vollständigen Original-Artikel:
https://www.republik.ch/2022/04/25/aufgrund-der-angespannten-situation

Abhandlung der zentralen Elemente der Wächter­moral und Händler­moral und im folgenden Essay:
Aerni, P., 03.09.2021. Liberethica. Eine ganzheitliche Sichtweise der Ethik muss sich vom bi-polaren Denken verabschieden

Screenshot of online article