«Der Mozart-Mythos führt in die Irre» - Rico Baldegger im Interview

Der Mozart-Mythos führt in die Irre»

​​​Er erforscht seit Jahren die Schweizer Unternehmerkultur: Rico Baldegger ist Direktor der Hochschule für Wirtschaft Freiburg und leitet das Team, das alljährlich den Global Entrepreneurship Monitor Switzerland (GEM) publiziert. Das vorliegende Interview von Jost Dubacher mit Herrn Baldegger wurde erstmals im Swiss Startup Radar abgedruckt.

In der Schweiz werden nicht nur rund 300 Startups pro Jahr gegründet. Für 2017 weist die Statistik insgesamt über 40 000 neue Firmen aus. Sind die Schweizerinnen und Schweizer von Haus aus Unternehmertypen, Herr Baldegger? 
Im Verhältnis zu unseren Nachbarländern haben wir eine hohe Gründungsquote. Das ist erfreulich, denn Menschen, die sich selbstständig machen, sorgen für eine laufende Erneuerung der Unternehmenspopulation. Zieht man andere Länder in die Betrachtung mit ein – zum Beispiel die USA oder die baltischen Staaten –, stehen wir weniger gut da: Dort entscheidet sich ein ungleich grösserer Teil der Erwerbsbevölkerung für ein Leben als Unternehmer. 

Liegt’s an den viel zitierten Rahmenbedingungen? 
Nein, der regulatorische und fiskalische Rahmen der Schweiz ist erstklassig. Aber ich identifiziere bei den in der Schweiz zugänglichen Unterstützungsangeboten zwei Defizite: Erstens fehlt es an Anlaufstellen für Unternehmer aus den Low- und Notech-Branchen, und zweitens adressieren wir tendenziell zu junge Menschen. 

Lassen Sie uns mit dem Thema Alter beginnen. Worauf stützen Sie Ihre Diagnose? 
Für den Global University Entrepreneurial Spirit Students’ Survey (GUESSS) haben wir Studienabgänger und Berufsleute fünf Jahre nach dem Abschluss befragt. Von der ersten Gruppe äusserten 5,4 Prozent die Absicht, eine Unternehmerkarriere einzuschlagen; bei der zweiten Gruppe waren es gut fünfmal mehr, knapp 30 Prozent. Der Sinn fürs Unternehmertum nimmt mit der Berufs- und Lebenserfahrung zu. Das zeigt auch der Global Entrepreneurship Monitor Switzerland: Von den 18- bis 24-Jährigen erkennen nur 15,8 Prozent der Befragten in ihrem Umfeld unternehmerische Opportunitäten. Bei den 35- bis 54-Jährigen sind es 49,9 Prozent. Ich ziehe daraus den Schluss, dass sich unser Förderangebot, das sich – nicht nur, aber vor allem – in und um die Hochschulen abspielt, eigentlich an die falsche Altersklasse wendet. Der Vorstellung vom jungen Unternehmergenie, der Mozart-Mythos, führt in die Irre. 

Gerade die Fachhochschulen bieten aber auch CAS- und berufsbegleitende Master-Kurse im Bereich Unternehmertum an … 
Diese Kurse sind vergleichsweise teuer. In der Schweiz sind der Bachelor und der anschliessende Master praktisch gratis, während die Weiterbildung kostet. Wer rechnen kann, nutzt das preisgünstige Angebot, auch wenn es für ihn eigentlich zu früh kommt. 

Sie haben die Förderung von Low- und Notech-Gründungen angesprochen. Was könnte man dort besser machen? 
Viele private und öffentliche Programme zur Förderung des Unternehmertums haben eine Schlagseite auf dem Wissens- und Technologietransfer. Aber Geschäftsopportunitäten gibt es auch ausserhalb von ICT und Life Sciences. 

Gibt es dort auch die angestrebten Wachstumspotenziale? 
Unbedingt! Ich nehme das Beispiel Franchising. In den USA bauen Unternehmer aus Dienstleistung und Handel mit diesem Konzept grossartige Jobmaschinen auf. Bei uns hingegen fristet das Franchising ein Schattendasein. Es hat wohl mit unserer Aversion gegen alles Serielle und Genormte zu tun. 

Wie ermutigt man Menschen ganz generell, Unternehmer zu werden? 
Man muss ihnen aufzeigen, was es wirklich bedeutet, einen Betrieb zu führen. An der Hochschule für Wirtschaft Freiburg versuchen wir, die unternehmerische Realität abzubilden. Im ersten Semester 2019 starten wir beispielsweise den Masterkurs «entrepreneurial negotiations».

Was können Dritte, zum Beispiel die Politik, tun? 
Ich rufe nicht nach der Politik. In der Pflicht sehe ich in erster Linie die Hochschulen beziehungsweise deren Alumni. In den USA betreiben die führenden Hochschulen weitverzweigte und intensiv betreute Ehemaligen-Netzwerke. Dort verkehren erfolgreiche Unternehmer, Manager und Investoren. Sie bilden genau die Strukturen, auf die ein Unternehmer in den ersten Jahren angewiesen ist. In diesem Bereich – da bin ich mir absolut sicher – hat die Schweiz noch enorm viel verborgenes Potenzial. 

Interview: Jost Dubacher


Swiss Startup Radar von Startupticker
Gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne hat Startupticker eine Studie publiziert, die auf der Auswertung von 4000 Datensätzen beruht. Michael Rockinger, Eric Jondeau – Professoren an derUniversität Lausanne – und Stefan Kyora, Chefredaktor von Startupticker.ch haben gemeinsam Daten von 4000 Startups analysiert und die Ergebnisse im Swiss Startup Radar publiziert. Der Swiss Startup Radar kann auf der Webseite des Startupticker heruntergeladen werden: https://www.startupticker.ch/en/swiss-startup-radar​​

Swiss Startup Radar


 Michael Rockinger, Eric Jondeau – Professoren an der Universität Lausanne – und Stefan Kyora, Chefredaktor von Startupticker.ch haben Daten von 4000 Startups analysiert und die Ergebnisse im Swiss Startup Radar publiziert. 

Der Swiss Startup Radar kann auf der Webseite des Startupticker heruntergeladen werden.


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